Humor -
eine Möglichkeit in der Palliativmedizin

Aus: Schmerztherapie in der Palliativmedizin
von Inge Patsch
Hrsg. G. Bernatzky u. a. Springerverlag

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"Ich habe keine Angst vor dem Sterben, ich möchte einfach nicht dabei sein, wenn es passiert." So setzt sich Woody Allen humorvoll mit dem Tod auseinander. Um die Möglichkeit des Humors in der Palliativmedizin überhaupt in Betracht zu ziehen, müssen uns zwei Punkte klar sein. Weder das Somatische noch das Psychische machen das eigentlich Menschliche aus. Der Mensch trägt in sich den Zugang zur Dimension des Geistigen. Dort wo der Mensch reduziert wird auf Soma und Psyche - manchmal nur auf Soma - entfällt eine wesentliche Dimension. Es ist jene Dimension, die der Mensch braucht, wenn er mit schwierigen und schweren Situationen konfrontiert wird.

Zum zweiten leben wir in einer Zeit, in der das technisch Machbare das menschlich Mögliche längst in den Schatten gestellt hat. Belastende Themen wie Verzweiflung über eine schwere Erkrankung, Tod und Vergänglichkeit führen ein Schattendasein, dadurch wird ein Umgang in heiterer Gelassenheit erschwert. Von Computern und besonders vom "Maschinenpark" in der Medizintechnik wünschen wir uns, dass die Geräte funktionieren. Wie sehr die Nerven strapaziert werden, wenn ein Computer abstürzt, kennen alle, die mit diesem Medium arbeiten. Überwachungsgeräte in der Medizin haben die Eigenschaft zu piepsen, zu quietschen oder zu klingeln, wenn etwas nicht funktioniert. In vielen Fällen bricht dann eine hektische Betriebsamkeit aus.

"Aus dem Halbschlaf weckt mich schon wieder diese unerträgliche Computermelodie. Sofort stürzt sich eine Schwester oder ein Arzt auf das Gerät, welches eine Störung anzeigt. Sie beschäftigen sich mit den Lämpchen und Tasten und starren fasziniert auf die Meldungen, welche die Maschine von sich gibt. Dass ich neben dem Gerät im Bett liege und dass ich mit diesem technischen Wunderwerk verbunden bin, nehmen die wenigsten wahr. Für ein Gespräch hat keiner Zeit. Sie sind mit der Maschine beschäftigt. Auf meine Frage, was los sei, höre ich: "Es ist alles in Ordnung, schlafen Sie ruhig weiter." Scheinbar ist doch nicht alles in Ordnung, denn das Pflegepersonal beschäftigt sich noch längere Zeit mit der Maschine."

Johann Nestroy meint: "Das Lügen ist eine Erfindung von und für Lebendige; im Tode muß Wahrheit sein, schon deswegen, weil er der Gegensatz vom Leben ist." Die Wahrheit ist, dass die Maschine nichts mehr zu sagen hat, wenn der Mensch nicht mehr lebt. Wenn das Funktionieren wichtiger wird, als der Mensch, dann kommt das spezifisch Humane zu kurz. Maschinen verführen zum funktionalen Denken und schmälern das Vertrauen in die menschliche Fähigkeit den eigenen Gefühlen zu vertrauen.

Der Tod ist im Hinblick auf das funktionale Denken die absolute Niederlage des Machbaren. Die folgende Geschichte macht dies deutlich.

"Der Arzt meinte, die Zeit sei gekommen, seinem Patienten die Wahrheit zu sagen: "Ich glaube, ich muss ihnen mitteilen, dass Sie sehr krank sind und wahrscheinlich nur noch zwei Tage leben werden. Vielleicht wollen Sie Ihre Angelegenheiten ordnen. Möchten Sie irgend jemanden sprechen?"

"Ja", kam schwacher Stimme die Antwort.

"Und wen?" fragte der Arzt.

"Einen anderen Arzt."

Auch ein anderer Arzt schafft es nicht die Todesrate von 100 % zu verringern. Es wäre einen Versuch wert den Tod nicht als Niederlage zu sehen. Wenn es schon nicht gelingt das Unvermeidliche zu vermeiden, könnte das, was unvermeidlich ist - die Tatsache, dass wir alle sterben müssen - in heiterer Gelassenheit gesehen werden. Heitere Gelassenheit entsteht nicht im permanenten Dauertraining des Funktionierens und des "Machens". Stress entsteht durch dauerndes Funktionieren. Heiterkeit verhindert Stress und ermöglicht Distanz. Nichts ist mehr geeignet Distanz zu schaffen als der Humor. so schreibt Viktor Frankl in seiner Ärztlichen Seelsorge. Es gibt nun einmal Situationen, in denen einem eben keine Wahl mehr bleibt, es sei denn die Wahl der Haltung und Einstellung. Diese innere Haltung ist gemeint, wenn wir über Humor in der Palliativmedizin nachdenken. Auf die persönliche Einstellung des Arztes und die innere Haltung der Krankenschwester und der Betroffenen kommt es an. Menschen, die auf Pflege angewiesen sind, verfügen über besonders gute Antennen des nicht Messbaren. Erich Kästner hat mit jenen, die alles messen wollen auch Bekanntschaft gemacht.

Es ist nicht leicht, sie ohne Haß zu schildern

und ganz unmöglich geht es ohne Hohn.

Sie haben Köpfe wie auf Abziehbildern

und, wo das Herz sein müßte, Telefon.

In ihren Händen wird aus allem Ware

in ihrer Seele brennt elektrisch Licht.

Sie messen auch das Unberechenbare

was sich nicht zählen läßt, das gibt es nicht.

 

Eine heitere Einstellung äußert sich nicht in der Begabung Witze erzählen zu können, sondern in der Fähigkeit der Empathie und der Distanz. Dazu braucht es weniger Hirn, dafür mehr Herz.

Gerade die nonverbalen Ausdrucksmöglichkeiten, die gefragt sind, wenn ein Gespräch nicht mehr möglich ist, erfordern Kreativität und Spontaneität. Besonders im Angesicht des Todes wollen Menschen nicht als Ware behandelt werden, sondern als Menschen. Der Humor ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit und nicht eine Frage von Diagnose und Methodik. Der gute Humor hat viel mehr mit Zuneigung, Zuwendung und mit der Fähigkeit zu tun Vertrauen auszustrahlen. Der Humor ist auch keine Wunderdroge und er verhindert nicht das Unvermeidliche. Doch wer den guten Humor zur rechten Zeit ins Spiel bringt, verfügt über Ressourcen, die den Umgang mit dem Unvermeidlichen erleichtern.

Im Widerspiel des Unmöglichen mit dem Möglichen erweitern wir unsere Möglichkeiten.

Diese Anregung von Ingeborg Bachmann könnte dem Humor im Rahmen der Palliativmedizin Eintritt verschaffen.

Einige praktische Anregungen:

  • Hängen Sie Cartoons auf
  • Erweitern Sie die Bibliothek mit humorvoller Literatur
  • Erheitern Sie Ihre MitarbeiterInnen in der Dienstbesprechung
  • Machen Sie Ihre KollegInnen mit Humor darauf aufmerksam, wenn die Mühe für die Funktion wichtiger wird als für die Person.

Eines können wir Betroffenen und Angehörigen nicht ersparen. Das ist die persönliche Auseinandersetzung mit dem Leiden. Der Gedanke Viktor Frankls kann die eigene Sichtweise verändern und Begegnung mit anderen erleichtern. Unnötiges Leiden ist sinnloses Leiden - notwendiges Leiden ist sinnvolles Leiden. Einen Menschen unnötig leiden lassen, ist unärztlich; einem Menschen notwendiges Leiden erlassen, wäre jedoch unmenschlich. Der Mensch hat nämlich ein Anrecht darauf, seinen Schmerz zu leiden - ebenso wie er nach Rilke den Anspruch darauf hat, seinen Tod zu sterben.

Einige Hinweise zum besseren Verständnis der Existenzanalyse können hilfreich sein. Um sich intensiver mit der Thematik von unnötigem und notwendigem Leiden auseinanderzusetzen, fehlt uns hier der Raum. Viktor Frankl selbst schreibt in seiner Ärztlichen Seelsorge: Die Existenzanalyse mußte den revolutionären und ketzerischen Schritt wagen, nicht nur die Leistungs- oder Genußfähigkeit des Menschen sich zum Ziel zu setzen, sondern darüber hinaus, auch in seiner Leidensfähigkeit eine grundsätzlich mögliche und tatsächliche notwendige Aufgabe zu sehen. Die Leistungs- und Genussfähigkeit des Menschen sind wesentliche Merkmale für sein Menschsein. Gerade für den schwerkranken Menschen wird die Leidensfähigkeit zur tatsächlich notwendigen Aufgabe. Dieser Aufgabe kann er sich stellen, da er immer noch die Freiheit besitzt zu entscheiden, mit welcher inneren Einstellung er an die schwierige Zeit herangeht und das Unabänderliche bewältigt. Frankl definiert diese Einstellung als "Trotzmacht des Geistes". Nur leider ist diese Trotzmacht nicht über Rezept erhältlich.

Es kann jedoch nicht genug hervorgehoben werden, daß das Leiden keineswegs notwendig ist, um einen Sinn zu erfüllen, wenn auch sehr wohl gilt, daß die Erfüllung eines Sinnes möglich ist auch trotz eines Leidens.

Im Sinn hat Frankl eine Möglichkeit vor dem Hintergrund der Wirklichkeit gesehen. Die realen Möglichkeiten in der Palliativmedizin sind sowohl für PatientInnen und Angehörige als auch für ÄrztInnen und Pflegepersonal dezimiert. Auf dem Hintergrund der realen Situation ist der Humor eben eine Möglichkeit in der Palliativmedizin .

Literaturhinweise:
Michael Titze, Die heilende Kraft des Lachens, München 1995
Viktor Frankl, Ärztliche Seelsorge, Wien 1982
Viktor Frankl, Die Sinnfrage in der Psychotherapie, München 1981
Viktor Frankl, Der leidende Mensch, Bern 1996
Rolf Kühn, Sinn, Sein, Sollen, Cuxhaven, Dartford, 1995

 

 

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